30.8.13 ER-Rettungsstelle


Die Rettungsstelle befindet sich im ersten Stockwerk des ersten Hauptgebäudes und wirkt meistens chaotisch und unstrukturiert. Hier fällt es schwer, allein schon durch die baulichen Begebenheiten, Ruhe und Ordnung rein zu bringen. Aber die Schwestern schaffen es immer, sich entspannt an den Tisch zu setzen, um sich auszutauschen, gern erfolgt dies auch im benachbarten Pausenraum. So das man manchmal für kurze Zeit keine Schwester im ER antrifft. Einige Schwestern haben einfach die Ruhe für sich gepachtet.
Da die Kurven hier nur selten am Bett bleiben, ist man ständig am Suchen und es kann schnell mal was untergehen. Bei hohem Patientenaufkommen fällt es selbst mir schwer den Überblick zu behalten. Die dort immer zu zweit arbeitenden House Officer haben durch die vielen Aufnahmen und die stationären Patienten, da der ER über 8 stationäre Betten verfügt und 6 Liegen, gut zu tun und sind froh, wenn sie nach einem Monat wieder wechseln müssen. Der House Officer Streik hielt übrigens drei Tage an und nun läuft alles wie immer und man wartet auf das Geld vom Government. Zwischen den bereits stationären Kindern liegen oft die Neuaufnahmen, halt da wo gerade Platz ist und oft auch zwei Kinder in einem Bett. Aber seit ein paar Wochen wird versucht auf der einen Seite in den Betten, die stationären Kinder zu packen und auf der anderen Seite auf den Liegen, die Kinder die weitergeschickt werden. Das klappt je nach Personal mal mehr und mal weniger gut. Die Eltern sitzen mit ihren oft sehr kranken Kindern im Flur des ER auf einer Bank und warten brav der Reihe nach, bis sie dran sind und der Arzt sich das Kind anschaut. Akut lebensbedrohliche Kinder allerdings werden sofort auf eine Liege gepackt. Diese Kinder kommen nicht nur von der Triage, sondern auch von den Stationen, da dort im Gegensatz zum ER, der Arzt nur während der Visite anzutreffen ist. Bei akuter Verschlechterung eines Kindes also, so wurden die Schwestern hier geschult, das Kind zum Arzt in den ER bringen. So erinnere ich mich an meine Anfangszeit, nachdem ein Kind nach einmaliger Diazepamdosis auf Step Down erneut krampfte, hieß es Verlegung in den ER. Also wurde das krampfende Kind in den ER gebracht, wo es sehr voll war und wir erstmal einen Platz suchen mussten. Ich blieb bei dem Kind und die Schwester ging wieder zurück auf ihre Station. Ich machte eine kurze Übergabe an eine Schwester mit klarer Ansage wir brauchen einen Arzt und Diazepam. Minuten vergehen, die besagte Schwester ist nirgends mehr zu sehen. Einer von sechs plötzlich um mich herumstehenden Schülerinnen sagte ich, sie möchte mir bitte eine Sauerstoffbrille bringen, während ich das Kind an ein Pulsoxymeter anschloss und mich nach einem geeigneten Sauerstoffanschluss umsah. Auch diese Schülerin war plötzlich weg und ich musste mir die Sauerstoffbrille selbst holen. Dann der nächsten Schwester eine kurze Übergabe geben, diese wühlte dann lange im Schrank und fand kein Diazepam. Ich fand auch nichts, also holte ich schnell welches von der Emergency box aus dem gegenüberliegendem Arztzimmer. Inzwischen war dann ein Arzt da, der das Kind erstmal untersuchte und ich wieder eine kurze Übergabe machen musste und irgendwann kam die Schwester auch endlich mit dem aufgezogenen Diazepam und das Kind hörte nach über einer halben Stunde auf zu krampfen. Einen Sinn sah ich da nicht, zu mal auf Step Down ja ein Arzt war und mit Sicherheit alles viel schneller gegangen wäre. Ein Transfer zwischen den Stationen mit Sauerstoff ist hier nicht möglich, nur in Ausnahmefällen haben wir eine gefüllte Sauerstoffflasche bei uns im Office. Die zweite Sauerstoffflasche ist leer, da es zur Zeit keine Möglichkeit gibt, diese zu befüllen.



Wartebereich der Eltern vor dem ER



linke Seite des ER, für die stationären Patienten



rechte Seite des ER



bei der Arbeit am Ärztetisch



Anne und ich mit den Schwestern des ER


Der ER hat neben der ICU die höchste Sterberate zu verzeichnen, da hier einfach die kränksten Kinder liegen und die Kinder oft in einem sehr schlechten Zustand eintreffen. Viele Eltern waren vorher auch erstmal bei einheimischen Naturmedizinern und geben ihren Kindern irgendwelche Kräuter/Blätter zu essen. Aber meistens können die Eltern nicht sagen, was sie ihrem Kind genau gegeben haben oder verleugnen es oftmals, da die Schwestern darauf nicht gut zu sprechen sind und die Eltern lautstark zurecht weisen. Die Kinder mit Vergiftungen (Herbalintoxikation) kommen oft in einem komatösen Zustand an, aus deren Magen durch eine Magensonde immer sehr ekeliges grünlich-bräunliches Sekret abgezogen wird und die Prognose der Kinder ist oft nicht so gut. Da erinnere ich mich an die Busfahrt nach Serabu, bei der wir eine Ansprache eines Naturmediziners mitverfolgen konnten. Unglaublich was er den Leuten alles auftischte, er hatte für sämtliche Krankheiten Kräuter und irgendwelche Tabletten. Zum Glück kauften nur wenige Einheimische von ihm. Aber viele Einheimische glauben daran, genauso wie an Witchcraft. Einmal habe ich hier ein so verwahrlostes Baby gesehen, das ich erstmal genauer schauen musste, ob es wirklich ein menschliches Wesen ist. Das war für mich unfassbar, wie man sein Kind so vernachlässigen kann. Es war eine wirklich sehr junge Mutter, die ihr Kind der Großmutter zur Pflege gegeben hatte. Natürlich kam jede Hilfe zu spät und in solchen Fällen verstehe ich dann diese laute Trauer der Mütter nicht, wenn sie sich verzweifelt auf den Boden werfen und so laut schreien, das man es auf dem ganzen Krankenhausgelände hören kann. Bis jetzt musste ich nur einmal für kurze Zeit ins Office gehen, weil mir ein Fall für einen Moment sehr nahe ging. Ansonsten habe ich mich einfach daran gewöhnt, das hier täglich die Kinder sterben, weil die Eltern einfach zu spät ins Krankenhaus kommen und die medizinischen Grenzen hier eng gesteckt sind. Gegenüber vom ER gibt es seit 6 Wochen ein Ultraschallraum und ein Side-Lab, wo am Tage ein Labormitarbeiter arbeitet, um Malaria-Schnellteste durchzuführen und zügig der HB bestimmt werden kann. Für die Nacht haben dort die Ärzte Zutritt. Dies ist eine positive Errungenschaft, da der Weg zum Lab weit ist und die aktuellen Laborbefunde oft im Nirwana verschwinden. Dafür stapeln sich nirgendwo sonst wie hier ältere Laborbefunde, da oft im Aufnahmebuch der Transfer zur Station vergessen wird zu notieren. Somit können die Befunde nur mit abklappern aller Stationen zeitnah dem Patienten zugeordnet werden. Aber diese Mühe möchte sich niemand machen.



der Ultraschallraum, mit Anne und Nellie



das Side Lab


An einem Tag wurden wir von Fatmata, einer Schwester des ER, zu sich nach Hause eingeladen. Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters ist es üblich, sich mit Freunden nochmal zum gemütlichen Beisammensein und Gedenken des Verstorbenen zu treffen. Sie lebt noch bei ihrer Mutter, die direkt an der Straße einen kleinen Laden hat mit dahinter angrenzendem Wohnraum. Es war total nett und wir wurden sehr aufmerksam mit afrikanischen Essen und Softdrinks bewirtet.



bei und mit Fatmata


31.8.13 00:46