30.7.13 Serabu vom 18.-23.7.13

Sierra Leone ist wirklich ein sehr schönes Land. Ein Land mit vielen unterschiedlichen Gesichtern, zwischen grenzenlosen Gewimmel und großen, leeren Gebieten. Eins kann ich sagen, die schönsten Tage verbrachte ich hier in Serabu. Jeder sieht die Welt mit seinen eigenen Augen und für mich ist das Afrika, diese idyllische dörfliche Gegend mit vereinzelten Häusern aus Lehm oder Wellblechschuppen. Diese herrliche Landschaft mit der rotbraunen Erde, der grünen Natur und diese traumhafte Ruhe. Ausnahmslos alle Einheimischen waren uns gegenüber auf eine angenehme Art sehr freundlich, aber das liegt sicher auch an der ethnischen Bevölkerungsgruppe: der Mende.


von Freetown über Bo nach Serabu


Am 18.7. durften wir alle früh aufstehen, da wir um 6:00 Uhr den ersten Governmentbus nach Bo nehmen wollten, denn es hieß er fährt immer pünktlich los und der zweite Bus um die Mittagszeit erst dann, wenn er voll ist. Am Bus angekommen, herrschte dort ein buntes Gewimmel, Sachen wurden unten im Bus verstaut, rund herum sinnlos wirkende Diskussionen, Gelder wurden einander zugesteckt und alle mussten sich der Sitzplatznummer nach anstellen und warten bis sich alles organisiert hat. Mit unseren Sitzplatznummern 8-11, da wir einen Tag vorher schon die Tickets kaufen ließen, standen wir ziemlich weit vorne und konnten entspannt beobachten. Interessant war, was alles so mitreist, selbst lebende Hühner in Plastiktüten verpackt. Irgendwann hieß es Einsteigen und die Sitzplatznummern wurden ganz wichtig auf einer Liste, von einem Governmentmitarbeiter abgestrichen. Die Sitzplätze waren allerdings sehr eng, so das meine Kollegen, die größer als ich sind, Probleme mit ihren Knien hatten. Da eine Fahrkarte 20.000 Leone umgerechnet 4,-Euro kostet, nehmen die Einheimischen ihre Kinder gern auf den Schoß. Neben uns die Mutter hatte nun aber zwei Kinder, so bot sich erstmal Anne vorübergehend an und später konnte der Junge auf einen Kanister im Gang sitzen. Das andere Kleinkind blieb bei der Mutter und wurde auf ihrem Schoß erstmal gewickelt, zwischendurch musste sie nochmal kurz aussteigen, warum auch immer, so dass Ole nun auch ein Kind auf dem Schoß hatte. Irgendwie wirkte sie sehr unorganisiert und suchte ständig was in ihrer Tasche. Aber irgendwann war sie reisefertig. Viele Mitreisende nutzten noch die Möglichkeit einzukaufen, was auch einfach ist, da der Bus draußen von Verkäufern belagert wird. Einfach Fenster auf und sagen was man möchte. Jemand wollte Erdnüsse und gleich standen mehrere Personen mit Erdnüssen vor dem Fenster. Und sollte man ungünstig sitzen, steht dem Einkauf auch nichts im Weg, Geld durchreichen und die Ware wird dann ebenfalls durchgereicht. Nachdem sich alle organisiert hatten, fuhr der Bus nun endlich pünktlich um 6:45 los. Die Fahrt unterbrachen wir mit zwei kleineren Zwischenstopps, wo mir das Aufsuchen und das Erledigen der "Notdurft" größere Überwindung kostete.


unser Governmentbus


im Bus


die Gemeinschaftstoilette



Nach guten vier Stunden Fahrt sind wir dann in Bo eingetroffen und beim Aussteigen fing es auch gleich an zu regnen, was zum Glück nur von kurzer Dauer war. In Bo wurden wir von einem Manager eines Krankenhauses abgeholt, den Ole durch ein anderes Projekt kannte und wir verbrachten den Nachmittag mit der Besichtigung des modern eingerichteten "Gila's Children and Community Hospital" und unterhielten die dort in der Umgebung wohnenden Kinder.


"Gila´s Children and Community Hospital"


Wo kommen auf einmal die ganzen Kinder her?


musikalische Unterhaltung


Fotografieren finden die Kinder immer ganz toll.


Weiterfahrt nach Serabu.


Am späten Nachmittag wurden wir von dort durch den Fahrer des Hospitals in Serabu abgeholt, der zuvor in Bo Einkäufe zu erledigen hatte und es ging mit einer Stunde Fahrweg auf nach Serabu, wo Jacki, die Ärztin uns schon erwartete. Sie arbeitet dort seit einigen Monaten für eine andere deutsche NGO (Ärzte für die dritte Welt). Das Team besteht neben Jacki noch aus einem Kinderarzt, einem Chirurgen und einer Anästhesistin, die allerdings keinen Jahresvertrag haben, sondern im sechswöchigen Rhythmus wechseln. Meist arbeitet dort auch noch eine Gynäkologin mit, aber zur Zeit ist wohl keine verfügbar. Die Mitarbeiter arbeiten und wohnen dort direkt auf dem Krankenhausgelände, was natürlich durch das ständige erreichbar sein, oft sehr anstrengend ist. Da Jacki einen von den zwei Bungalows zur Zeit alleine bewohnt, war dort genug Platz für uns vier. Astrid und Jacki hatten ein Einzelzimmer, Anne und ich teilten uns ein Zimmer und Ole durfte es sich im Wohnzimmer gemütlich machen. Uns erwartete dort eine idyllische Ruhe und wir konnten wieder einmal entspannt ohne Ohrstöpsel schlafen.


auf dem Krankenhausgelände


vor unserem Bungalow


Am folgenden Tag nach dem Frühstück bekamen wir durch den Krankenhausmanager James mit dem Auto eine dreistündige Führung in die nähere Umgebung unter anderem zu den Bauxitminen. Die besagten Diamantenminen befinden sich leider weiter östlich des Landes. Am Nachmittag besichtigten wir auf dem weitläufigen Klinikkomplex die Kinderstation und das Labor, wo wir eine lustige Führung durch den einheimischen Labormitarbeiter erhielten. Zum Abendessen haben wir uns dann mal selber an die offene Feuerstelle getraut und einen Eintopf gekocht. Einen Gasherd gibt es hier leider nicht, so das ausschließlich die Einheimischen Ali und Samba kochen. Um die Mahlzeiten brauchten wir uns die Tage nicht zu kümmern, Frühstück war immer schon vorhanden als wir aufstanden, Mittag gab es immer gegen 14:00 Uhr und Abendessen gegen 20:00 Uhr. Den Abend ließ ich mit Anne noch bei einem nächtlichen Spaziergang bei Mondschein und Sternenhimmel sowie hunderte von kleinen Glühwürmchen, die unsere Wege begleiteten, ausklingen.



auf der Kinderstation


Samba vor der Kochhütte


Abendessen ist fast fertig



Am Samstagvormittag machten Astrid und ich einen Spaziergang durch Serabu und hatten angenehmen Kontakt zu den Einheimischen. Besonders die Kinder kamen jedesmal fröhlich angerannt und begrüßten uns mit "Pumui" was auf Mende "Weiße" bedeutet oder mit "Bua" für "Hallo" und "Muya hoe" für "Goodbye". Mit einigen Kindern spielten wir kurz auf der Straße Fußball und andere Kinder rollten ein Felgenrad geschickt mit dem Stock. Und ich muss ehrlich sagen, ich habe es mehrmals probiert und es nicht mal ein kleines Stückchen geschafft, was die Kinder natürlich amüsierte. Generell wurden wir von den Leuten, die man auf dem Weg traf, sehr freundlich angesprochen. Wichtig war Ihnen immer wie man heißt und wo man herkommt. Fotos machen fanden sie im Gegensatz zu den Menschen in Freetown ganz toll und so hatte ich für die 6 Tage schnell über 500 Fotos zusammen. Durchgeschwitzt kehrten wir für ein kühles Softgetränk kurz in die Dorfbar oder auch Gasthaus genannt ein, bevor wir wieder zurück zum Mittagessen mussten, da schon eine Sms von den Kollegen eintraf. Nach einer kleinen Mittagsruhe trafen wir uns mit Peter, einem einheimischen CHO (Community Health Officer) und spielten zu seiner Freude wie wild Tischtennis. Das Abendprogramm gestaltete sich dann sehr musikalisch, da Jacki ihre Gitarre rausholte. Bei dem musikalischen Beitrag: "It's me..." und dem selbstkreierten Background durch Astrid: "How is it?" blieb vor Lachen kein Auge trocken.


freudig kommen einige Kinder angelaufen


auf dem Spaziergang


eine Wasserstelle für die Frauen zum Wäsche waschen


und für die Kinder zum Baden


beim Cassava leaves stampfen


beim lockeren Straßenfußball


kurze Pause


was die Kinder schon so alles auf den Kopf tragen


das ist nicht leicht


der musikalische Abend



Auf den Samstag folgte nun der Sonntag und ich muss ehrlich sagen, ein Glück, das ich hier Tagebuch führe, sonst würde ich hier vieles zeitlich nicht mehr zusammen kriegen. Nach dem Frühstück musste uns Ole nun wieder verlassen, da er am Montag ein wichtiges Meeting hatte. Seine Heimreise gestaltete sich durch mehrere geplatzte Reifen des Poda Poda etwas unglücklich, so dass er erst am späten Abend zu Hause bei Ruth eintraf. Wir dagegen genossen bei weiterem Sonnenschein das Frühstück, mit angenehmer musikalischer Untermalung durch die hörbaren Gesänge aus der Dorfkirche. Anschließend zogen wir zu dritt los und nahmen wieder einen anderen Weg aus dem Dorf hinaus. Es war schön den Wegen aus roter Erde zu folgen und das intensive grün der Natur zu genießen. Wir trafen wieder auf mehrere Einheimische und es ist schon erstaunlich, was sie alles auf dem Kopf tragen und welche schweren Lasten sie teilweise schleppen müssen. Selbst schon die kleinen Kinder tragen alles auf dem Kopf. Ein Junge namens Musa, ließ mich für eine Weile seine Schüsseln gefüllt mit Cassava leaves tragen, zur amüsanten Unterhaltung einiger Einheimischer, die wir auf dem Weg trafen. Und ich muss schon sagen, da ich die ganze Zeit mit beiden Armen alles festhielt, merkte ich schon Aktivität in den Oberarmen. Weiter des Weges kamen wir auch noch an Feldern vorbei, die von mehreren Frauen bewirtschaftet wurden. Die Kinder spielten unterdessen solange unter einem Baum und die ganz Kleinen blieben sogar während der Arbeit auf dem Rücken der Mutter. Es scheint so, dass viele Dorfbewohner von ihrem eigenen Anbau leben. Nach dem ausgiebigen Spaziergang mussten wir alle etwas Mittagsschlaf halten und da es abends regnete entschieden wir uns für einen gemütlichen DVD Abend. Außerdem beschlossen wir spontan und einstimmig unseren Abreisetag einen Tag nach hinten zu verschieben.



schwere Kanister mit Palmwein


gerüstet zum Klettern


ohne Festhalten geht es nicht


Musa; ich weiß gar nicht, was es da zu kichern gibt


die fleißigen Mütter


die Kinder auf dem Feld




Am Montag ging es nach dem Frühstück in die nahegelegene Augenklinik, in der Linda als Krankenschwester arbeitet, die wir am Wochenende im Gasthaus kennenlernten und sie uns zu einem Rundgang eingeladen hatte. Es war sehr interessant, ab und zu kommt hier auch eine englische NGO her und führt Katarakt Op's durch. Auch haben sie hier schon gute Möglichkeiten um Sehschwächen zu erkennen und mit ausgedienten Brillengestellen zu korrigieren. Danach schauten wir uns noch die Dorfkirche genauer an, die für uns extra aufgeschlossen wurde. Vom Pastor wurden wir noch auf seinen Balkon eingeladen, wo wir zwei niedliche kleine Katzenjungen bestaunen konnten. Während des lockeren Gesprächs kam noch ein Lehrer aus der daneben gelegenen Schule dazu und wir bekamen Einblicke in die schrecklichen Kriegsgeschehnisse (1991-2002), als diese Gegend von den Rebellen eingenommen wurde. Viele flüchteten damals in den Busch oder ins sichere Freetown, wo Flüchtlingsunterkünfte bereit standen. Bis auch hier am 6.1.1999, während des Waffenstillstands, die Rebellen in die Hauptstadt einfielen.

Am Nachmittag durfte Anne noch bei einem Kaiserschnitt zusehen und Astrid und ich zogen nochmal durch den Ort. Interessant war auch ein Gang durch die Mädchenschule, die sich direkt auf dem Krankenhausgelände befindet und von außen eher was von einem Stallgebäude hat. Drinnen befanden sich einfache Holzbänke, eine einfache Tafel und an den Wänden hingen wirklich sehr interessante selbstgestaltete Poster. Mit der Anatomie allerdings hapert es wohl etwas, aber das erklärt dann einiges, warum manche Schwestern bei der Herzdruckmassage eher Richtung Magen drücken wollen. Pünktlich zum Abendessen waren wir wieder zurück und entschieden uns erneut für einen Filmabend.



in der Augenklinik


ein typisches Bild


beim Pastor auf dem Balkon


typisches Schulgebäude


ein Klassenzimmer


Anatomie?


ein letzter Spaziergang




Am nächsten Tag war es dann leider soweit, die Heimreise stand an. Gegen 10:45 Uhr wurden wir mit dem Auto nach Bo gefahren und so blieb uns zum Glück das Motorbike fahren erspart. Denn die Straßenverhältnisse nach Bo sind sehr schlecht und Taxis etwas schwieriger zu kriegen als in Freetown. Motorbikes gibt es dagegen viele im Land, sicher liegt es auch daran, das damals nach dem Krieg, die Regierung Motorbikes gegen Waffen eintauschte, damit die Waffen raus aus dem Land kommen. James, der Krankenhausmanager, der sich über ein verlängertes Wochenende bei seiner Familie in Bo befand und sonst in einem kleinen Bungalow auf dem Krankenhausgelände bleibt, hatte für uns schon Tickets für den Governmentbus gekauft. Wir hatten gerade noch Zeit für einen Toilettengang und ein Softgetränk in einer Gaststätte, bevor der Bus um 13:00 Uhr losfuhr. Gegen 17:30 Uhr stiegen wir fast vor unserer Haustür am Glocktower aus, was sehr praktisch war, da wir nun nur ein kurzes Stück laufen mussten. Das ist hier das Gute, der Bus hält auch außerhalb der gängigen Haltestellen, wenn man dem Fahrer Bescheid gibt. Wir waren nun zu Hause und mussten den lauten Lärm und den typischen unangenehmen Marktgeruch wieder ertragen. Zu unserer "Freude" stellten wir auch noch fest, es gibt mal wieder kein fließend Wasser und keinen Strom. Egal, ich hatte schöne Tage verlebt, die mir für immer in Erinnerung bleiben werden.

31.7.13 00:02