6.5.13

Liebe Familie, Freunde und Kollegen in der Heimat... Die Zeit vergeht hier so schnell, dass ich erst jetzt zum Schreiben komme. So langsam lebe ich mich hier ein. Es ist hier wirklich eine ganz andere Welt. In den ersten Tagen hatte ich noch mit Heimweh und dem Englisch zu kämpfen, aber das legt sich nun langsam. Aber die Erfahrungen die ich hier sammeln darf sowie das bisher Erlebte, möchte ich nicht mehr missen. Durch die lange Arbeitszeit (7:30-17:30) und die ausgefüllte Freizeit, komme ich hier kaum zum Luft holen. Ich bin gerade mal zwei Wochen hier und habe schon so viel gesehen und erlebt, das ich garnicht weiß, wo ich anfangen soll zu berichten. Deshalb erstmal nur kurz und knapp. Unser Team besteht aus zwei Schwestern, zwei Kinderärztinnen und einer Sozialarbeiterin. Wir wohnen hier alle zusammen (außer eine von den Kinderärztinnen, die gebürtige Sierra Leonierin ist und hier mit ihrem Mann lebt) in einem größeren einfachen Wohnhaus wie in einer WG. Das Haus liegt sehr zentral direkt im Marktzentrum, so das es hier rund um die Uhr sehr laut ist. Ich gehe schon mit Ohrpax und darüber meine Kopfhörer (damit sie mir nicht rausfallen) ins Bett und habe immer noch das Gefühl ich sitze direkt im Marktgeschehen, zwischen der lauten unterschiedlichen Musikbeschallung. Auch sonst ist es hier in der Stadt sehr laut... überall wird unterschiedliche, sich immer wiederholende sehr laute Musik gespielt. Jeder will wohl lauter sein als der Andere. Nur Sonntags scheint es etwas ruhiger zu sein. Um so erholsamer ist es, wenn man mal aus Freetown raus kommt. Letztes Wochenende waren wir alle mit Übernachtung übers Wochenende am Bureh Beach. Und für mich war es der schönste Strand, den ich je gesehen habe. Auch nächstes Wochenende wollen wir wieder an den Strand, diesmal an den Hamilton Beach. Gleich ein paar Tage nach meiner Ankunft hier, war die große Hauseinweihung vom Pikin Paddy, das Kinderstraßenprojekt, wo unsere Sozialarbeiterin mitarbeitet. Später mal mehr dazu. Dann hatten wir noch zwei Geburtstagsfeiern (einschließlich meiner), an der wir an einer Strandbar, dem King David waren. Dort saßen wir dicht am Meer und es war richtig nett und schön. Hier in Sierra Leone sind weiterhin noch sonnige Temperaturen um 30Grad, aber zweimal hatte es hier nachts schon kurz geregnet. Die Regenzeit soll am ausgeprägtesten von Juli-September sein. Aber darauf bin ich auch schon mit Gummistiefeln und Regenjacke vorbereitet. Dann wird es sicher auch etwas ruhiger, aber so nutzen wir das schöne Wetter noch intensiv aus. Dieses Wochenende waren wir zu zwei Hochzeiten (Sa und So) eingeladen. Hier ist es Brauch, Stoff von der Braut zu kaufen und sich ein Kleid schneidern zu lassen. So wird die Hochzeitsgesellschaft gleich an der Kleidung erkannt. Smile. Die Hochzeiten waren beide sehr nett, aber es ist halt alles anders als in Deutschland. Irgendwie hat es was von ins Kino gehen. Und was schauen wir heute: Hochzeit. Dazu auch ein anderes mal mehr. Und nun noch kurz zum Kinderkrankenhaus. Das Kinderkrankenhaus besteht aus mehren Stationen: einer Triage (Ersteinschätzung, ob das Kind in ein anderes Krankenhaus, in die ambulante Sprechstunde oder in den ER (1.Hilfe) muss, dem ER (1.Hilfe), der ICU (Intensivstation mit Sauerstoffgabe und Monitoring), der SCBU (Neonatologie), StepDown (Überwachungsstation, die nicht so krank sind, haben auch Sauerstoff und ein Pulsoxymeter zur Überwachung), der Observation (Aufnahmestation), der TFC (Station für unterernährte Kinder), Ward 1 und Ward 3 (Normalstationen ohne Sauerstoffgeräte). Die Behandlung der wirklich schwer kranken Kinder ist durch die begrenzten Mittel wirklich sehr eingeschränkt. Und ich muss ganz ehrlich sagen, es stimmt, ich habe auch noch nie so kranke Kinder mit so traurigen Augen gesehen. Nun ist auch noch das zweite Absauggerät defekt, so das weder der ER, noch der ICU ein Absauggerät haben. Das nun noch vorhandene Handabsauggerät soll nicht wirklich funktionieren. Aber bis jetzt bin ich nur mitgelaufen und werde nächste Woche selbständig auf den Stationen mitarbeiten und mehr hinter die Abläufe steigen. Viele Schwierigkeiten liegen schon allein an den Fähigkeiten und der Motivation der einzelnen Schwestern. Ansonsten habe ich hier schon zwei Kinder mit Tetanus gesehen und seit langem wieder i.m. gespritzt. Denn hier werden Antibiosen auch i.m. gegeben. Mit der Kommunikation nach Deutschland klappt es zur Zeit über Skype, Facebook, E-Mail und WhatsApp ganz gut. Telefonisch geht es auch über Skype und über mein neues Prepaidhandy. Nur Sms schreiben übers Handy ist wohl etwas schwierig, da die meisten Sms nie ankommen. Beim Telefonieren habe ich auch festgestellt, dass es besser ist, wenn ich anrufe. Da mein Telefon oft meint, ich bin nicht erreichbar. So ist mir jedenfalls der tägliche Austausch mit meiner Familie und engen Freunden möglich. Liebe Grüße an Euch alle und ich freue mich weiterhin von Euch zu hören.


mein 38.Geburtstag


Kinder vom "Pikin Paddy"mit Caregiver

6.5.13 18:59


8.5.13 Afrikanische Hochzeit

Thema: Afrikanische Hochzeit 

Letztes Wochenende waren wir zu zwei Hochzeiten eingeladen. Am Samstag zu einer katholischen (die Braut ist Caregiverin bei uns im Haus) und am Sonntag zu einer moslemischen (die wohlgemerkt hochschwangere Braut ist eine Nurse in der Triage). Jedenfalls fing der Samstag schon turbulent an, der Schneider, wo wir unsere Kleider in Auftrag gegeben hatten, war zu 11:30 Uhr immer noch nicht fertig und wir waren zu 13:00 Uhr zur Trauung in der Kirche geladen. Er hatte uns schon zwei Tage vorher (wir waren zur Sicherheit nochmal da) zu verstehen gegeben, das es Freitag nichts wird, aber spätestens Samstag Vormittag sind alle Kleider (wir reden von 4 Personen, also 8 Kleider) fertig. Er war also noch beim Nähen und gab uns zu verstehen "some minutes". Gut dachten wir, wir warten. Nur hat die Zeit hier eine andere Bedeutung. "Some minutes" hieß in diesem Fall zweieinhalb Stunden. Zum Glück fing auch die Trauung nicht pünktlich an, so das wir davon noch was mitbekamen. In der Kirche war die Musik aber sehr laut und irgendwie eher Pop als Orgel. Jedenfalls ging es danach auf den halbfreien Festplatz direkt hinter der Kirche. Dort setzt man sich wie im Kino oder Theater, auf den Platz (Stuhl) der einem zugewiesen wird und wartet bis die "Vorstellung" beginnt. Das Brautpaar fährt in dieser Zeit zu Fotoaufnahmen meist an den Strand. Auf der Bühne, also etwas höher stand bei beiden Hochzeiten ein schön geschmückter langer Tisch und die Stühle waren komplett weiß verkleidet. Im Hintergrund an der Wand und auch vorne am Tisch hingen auch noch große farbige Tücher, die mit Schleifen verziert waren. Alles wirklich nett geschmückt mit den Farben der Braut. Auf dem Tisch standen auch schon Sekt und mehrere Softdrinks (Cola, Fanta, Sprite) für das Brautpaar bereit. Den wartenden Gästen wurde in der Zwischenzeit ein kleines Stück Kuchen (ca.3mal2cm) und ein Wasserbag oder ein Ingwergetränk gereicht. Letzteres war mir ganz schön süß und scharf im Nachgeschmack. Dann hieß es weiter warten bei übertrieben lauter Musik. Teilweise habe ich mir beide Ohren zugehalten und die Musik war immer noch zu laut. Ich habe so über die kleinen anwesenden Kinder und auch Babys gestaunt, wie ruhig diese bei dem Lärm waren. Zwischendurch immer mal wieder laute Ansagen vom Moderator. Dann war endlich das Brautpaar wieder da und die "Vorstellung" konnte beginnen. Tanzend nähern sich immer erst die zwei Trauzeugenpaare der Bühne und nehmen dort Platz. Danach mit weiterem Jubel das Brautpaar, aber wohlgemerkt tanzend bei lauter Discomusik. Nun folgen kurze Ansprachen vom Moderator und (das habe ich bis heute noch nicht verstanden) der Moderator singt übertrieben tanzend ein Lied nach und ihm stecken mehrere Gäste Geld in die Taschen. Danach wird erstmal allen auf der Bühne Essen serviert. Danach sind alle Gäste dran. Man erhält auf einem Plastikteller ein buntes Menü mit mehreren kleinen Portionen z.B. Reis, Nudeln, Fleisch, Würstchen, Fisch, Salat... und dazu darf man sich ein Softdrink aussuchen. Die Flasche wird einem, wenn gerade kein Öffner zur Hand ist, auch mal eben schnell mit den Zähnen geöffnet. Aua. Anschließend wird schnell alles wieder von den Hochzeitshelfern abgeräumt und der nächste Part kommt. Das Anschneiden der Hochzeitstorte. Hier schneidet sich erst der Bräutigam ein Stück ab und dann wird sich geküsst und brav geteilt. Danach die Braut und sie teilt dann auch ganz brav mit ihrem Gemahl. Lecker. Anschließend wird die dreistöckige Hochzeitstorte geteilt und jeder Gast erhält ein kleines Stück. Naja ein Häppchen... bei ca. 200 - 250 Personen. Danach wieder kurze Ansprachen und dann ist es soweit, das Brautpaar kommt von der Bühne und stellt sich vor ihrem Tisch. Alle Gäste dürfen nun nacheinander gratulieren und ihre Geschenke überreichen. Bei der moslemischen Hochzeit war danach das Hochzeitsprogramm beendet. Zu deren Trauung waren wir nicht gegangen, da die Moschee zu weit außerhalb von Freetown liegt und wir alle auch gern mal NICHTS machen wollten. So waren wir nur zur 17:00Uhr "Vorstellung" gegangen. Bei der katholischen Hochzeit zog die Braut, nachdem alle gratuliert hatten, ihr weißes Brautkleid aus und ein schickes angenehm pinkfarbenes Abendkleid an. Plötzlich hatte ich Bier in der Hand und es durfte getanzt werden. Da ich eigentlich kein Bier trinke, hatte ich es gegen eine Cola eingetauscht. Kurz darauf hatte ich wieder Bier in die Hand bekommen und dann war es mir auch egal. Eine Flasche Starbier... gibt es ja schließlich bei uns in Deutschland nicht. Dann hieß es tanzen, tanzen, tanzen... und das können sie hier wirklich sehr gut. Selbst die kleinen Kinder... aber das ist ja auch kein Wunder, wachsen sie hier ja mit ständiger Musikbeschallung auf. Später gab es dann nochmal was warmes zu Essen. Was aber wirklich viel Überwindung gekostet hat, war das Aufsuchen der Toiletten. Dort gab es kein Licht und man musste einfach nur dem Geruch nach. Wir sind immer zu zweit gegangen, denn einer musste die Taschenlampe halten und spätestens jetzt kann man die Skifahrerposition. Denn es gab auch keine Spülung und kein Wasser zum Hände waschen. Einige einheimische Damen haben dazu auch die Örtlichkeit, die wie eine Dusche aussah benutzt, keine Ahnung... will ich auch nicht wissen.  Ich muss ehrlich sagen, es war wirklich sehr interessant und der Ablauf der "Vorstellung" war bei beiden Hochzeiten fast gleich.


unsere "schönen" Kleider


Trinken aussogenannten Plastikbags


das portionierte Hochzeitsmenü

8.5.13 10:54


9.5.13 Hagan Street

Thema: No.2 Hagan Street, Freetown in Sierra Leone

 Das ist meine Adresse hier in Sierra Leone. Das Haus liegt sehr zentral in einem sehr lauten Gebiet, neben der Eastern Police und dem Clock Tower, direkt mitten im Marktgeschehen. So muss man sich jeden Tag durch die Hagan Street drängeln, die durch Marktstände rechts und links so eng ist, dass man nur hintereinander laufen kann. Und wenn man ein Auto sieht, welches da durch möchte, denkt man niemals, aber es ist unglaublich, was hier alles geht. Die Stände werden zur Seite geräumt, flache Körbe bleiben einfach in der Mitte stehen und das Auto fährt darüber. Jeder schiebt und klopft am Auto bis es durch ist. Die Straße war heute nach nächtlichem Regen so schlammig, dass ich beschlossen habe, ab morgen meine Wechselturnschuhe in der Klinik zu lassen. Der unangenehme Geruch auf den Straßen ist auch sehr gewöhnungsbedürftig, aber mit der Zeit geht es. Sierra Leone zählt immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt und die Menschen leben hier wirklich unter sehr sehr einfachen Verhältnissen. Dennoch sage ich mir oft, arm sein ist das eine, aber deshalb muss ich meinen Müll nicht überall hinwerfen und auch nicht überall hinpinkeln! Jedenfalls wohne ich hier in einem großen vierstöckigen Wohnhaus. Die obere 4. Etage gehört komplett uns, da haben auf der einen Seite, ich mein Zimmer und Ruth (die Sozialarbeiterin) ihr Zimmer. Es ist alles sehr einfach, aber ausreichend eingerichtet. Ein großes Bett mit Moskitonetz, ein Tisch, ein Stuhl und ein abschließbarer Kleiderschrank. Das Bad müssen wir uns beide teilen, aber das klappt gut. Im Bad befindet sich eine Toilette, eine Dusche, ein Waschbecken und falls das Wasser mal alle ist, steht dort eine große grüne Wassertonne. Dann heißt es schöpfen. Unser Wassertank ist auf dem Dach und wenn man nach der Arbeit als erstes duscht, hat man auch mal warmes Wasser. Das Kaltduschen ist hier bei dem Wetter aber eher angenehm, denn ständig hat man das Gefühl, die Haut klebt. Auch habe ich meine Haare noch nie so oft gewaschen wie hier. Aber man lernt hier, sich das Wasser einzuteilen. Auf der anderen Seite gibt es noch ein Zimmer mit separaten Bad. Das benutzt meine Kollegin Dimona. Dann gibt es auf der Etage noch eine größere Küche mit Kühlschrank und Gasherd/Gasofen. Sowie ein großes Wohnzimmer mit großem Esstisch, einen Dreisitzer, Zweisitzer sowie einen Sessel, einen kleinen Tisch, ein Bücherregal und einen Fernseher. Vom Wohnzimmer aus kommt man auf einen langen Balkon. Dort sitze ich meist kurz morgens bevor wir zur Klinik gehen und abends. Man hat Blick aufs Meer und den Markt. Eine Etage tiefer hat unsere Kinderärztin (Anne) ihr Zimmer. Daneben ist ein Zimmer, dass noch frei ist. Aber am 1.6. kommt Astrid (die Ablösung für Dimona) und wird sicher dort erstmal einziehen. Dann ist in der Etage noch ein separates Bad, ein kleiner Vorratsraum und ein großes Mädchenzimmer mit Bad und Balkon. Zur Zeit ist aber kein Mädchen da. Dann eine weitere Etage tiefer befindet sich ein großes Jungenzimmer (zur Zeit leben hier 6 Jungen) mit Bad und Balkon, ein Zimmer für die Caregiver mit Bad, ein freies Zimmer mit Bad (sicher dann für Ole, der auch am 1.6. kommt, zur Unterstützung von Ruth und zuständig für logistische Angelegenheiten) und ein Vorratszimmer, in dem sich Sachen von den Kinder befinden. Ganz unten sind dann die Büroräume für die Sozialarbeiter, ein größerer Aufenthaltsraum sowie eine große Küche mit Essbereich und der Ausgang in den Hausflur, um auf die Straße zu kommen. 

Oben auf dem Dach gibt es so was wie eine Dachterrasse. Wir leben hier zusammen mit den Kindern vom Kinderstraßenprojekt "Pikin Paddy". Bewacht wird das Haus rund um die Uhr von zwei Securities. Aber nachts schlafen sie wohl mehr oder weniger und dadurch, dass es letzte Woche hier einen Vorfall gab, habe ich etwas Zweifel an ihrer Arbeitsqualität. Ansonsten muss man sich hier dran gewöhnen alle Räume immer abzuschließen. So ist hier mein Schlüsselbund mit sechs Schlüsseln, größer als zu Hause. Strom ist meist verfügbar, aber seit gestern leider nicht mehr. Dennoch ist es ratsam, abends sich schon mal die Stirntaschenlampe umzuhängen, denn meist verschwindet abends plötzlich der Strom. Nachts kommt er dann aber meist irgendwann wieder. Zur Not haben wir einen Notstromgenerator, aber da heißt es auch einteilen. 


direkt vor unserem Hauseingang


seit zwei Wochen fahren Poda Poda durch unsere Straße

 

9.5.13 23:11


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